Diverse Statements: Braucht die „Digitale Schweiz“ noch eine Demokratie?

eCH-BPM-Redaktion (September 2017)

Braucht die „Digitale Schweiz“ noch eine Demokratie?

Fake News, Shitstorms und Twitter-Politik: Befasst sich die Politik in der Schweiz aktiv genug mit Fragen der Gestaltbarkeit und der demokratischen Kontrolle (neudeutsch: "Governance") in der „Schönen digitalen Welt“? Was können (sollen, müssen) Politik und Öffentlichkeit tun, damit in der „Digitalen Schweiz“ demokratische Grundwerte (freie Meinungsbildung, direkte Demokratie) samt den institutionellen Rahmenbedingungen (Rechtsstaatlichkeit, Föderalismus) nicht durch Algorithmen, Blockchains, Bots, Social Media und Big Data ersetzt werden?  

Digitales Politikverständnis? "Followers" und "Likes" als Demokratieersatz? Demokratie als Geschäftsmodell?

Die Diskussion ist eröffnet!

Kommentare

Ein aufschlussreiches Gespräch mit dem Medienwissenschaftler Vincent F. Hendricks, Center for Information and Bubble Studies, University of Copenhagen in "SRF: Sternstunde Philosophie" (vom 03.09.2017)

"Wenn wir glauben, dass wir als Nutzer sozialer Plattformen „Kunden“ sind, dann liegen wir falsch. Wir sind vielmehr „Produkt“ – statt Nutzer also Benutzte, die online und gratis mit der Verbreitung von Inhalten für „Aufmerksamkeit“ sorgen. Hier geht es um Geld: Facebook, Twitter, Youtube etc. verkaufen die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer als Ware den Werbekunden. Auch daher funktioniert die „Fake News“-Informationsstrategie hervorragend: Mit gefälschten Geschichten die Aufmerksamkeit über soziale Medien mit Reichweite und Geschwindigkeit erregen."  Vincent F. Hendricks

Vincent F. Hendricks / Pelle G. Hansen: «Infostorms. Why do we 'like'? Explaining individual behavior on the social net», Springer Verlag 2016.

Eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern hat am 05. Dezember 2016 den Vorschlag zur einer "Charta der Digitalen Grundrechte" dem Europäischen Parlament in Brüssel und der Öffentlichkeit zur weiteren Diskussion übergeben.

Was soll mit der Digitalcharta erreicht werden? "Eine Debatte über die Zukunft der digitalen Gesellschaft und wie man sie politisch gestalten kann. Die vorgestellte Digitalcharta versteht sich als Entwurf, der in der Öffentlichkeit reifen soll, dazu gehört essentiell die Diskussion um jedes einzelne Wort. Am Ende könnte so ein digitalgesellschaftliches Fundament der EU entstehen."

"Digitalcharta" (Auschnitt)

Die "Digitale Welt" glänzt auch durch ihre Wortschöpfungen und den eigenwilligen Sprachgebrauch. Orwell hat in "1984" den treffenden Ausdruck "Neusprech" ("Newspeak") geprägt. Wir werden uns wohl daran gewähnen müssen

"Dehumanisierung von Kundenkontaktpunken"

Definition gemäss "Spektrum der Wissenschaften":

Dehumanisierung w, Entmenschlichung von Gegnern durch verbale Aggression, Diffamierung von Mitmenschen durch abwertende und ausgrenzende (Beute- oder Haus-)Tier- oder Unratbezeichnungen oder etikettierende Hinweise auf körperliche oder geistige Mängel; Erscheinung bei der Gruppenaggression, die sich in Form sozialer Anregung und der angeborenen Reaktion auf soziale Auslöser von Individuum zu Individuum fortsetzt, ohne jeweils einzeln Zeuge der auslösenden Situation gewesen sein zu müssen. Abwertende Dehumanisierung wirkt gruppenbindend und euphorisierend und geht mit Selbstüberschätzung, Abstumpfung und gefährlicher Verantwortungsdiffusion einher, die eine intellektuelle Kontrolle ausschaltet und biologische Aggressionshemmungen (Submission, Beschwichtigung, Bandstiftung und Mitleid) verhindert. Bully-Verhalten.

 

 

Ich glaube mit "Dehumanisierung" ist im Kontext des Vortrages vielmehr "Ersetzen von Menschen durch Bots/'Künstliche Intelligenz'" gemeint und weniger die Definition gemäss "Spektrum der Wissenschaften". Leider kann ich zeitlich nicht an dem sicher spannenden Workshop teilnehmen um dies zu validieren...

Lieber Herr Meier, Vielen Dank! Es ist sicherlich so gemeint, wie Sie es beschreiben: Es geht um den Ersatz der intellektuellen Leistungsfähigkeit durch Algorithmen etc. Wir stossen uns allerdings am laschen Sprachgebrauch. Beste Grüsse, die Redaktion

Prof. Dr. Reinhard Riedl, Berner Fachhochschule BFH, über "Transformationales E-Government" (E-Gov-Präsenz, Nr. 1/2017):

„Die digitale Transformation wird die Staatsstrukturen und darüber hinaus die philosophischen Grundlagen des Staats verändern. Das ist wenig umstritten, wurde aber noch nicht wirklich konsequent durchdacht und wenn, dann IT-basiert, umgesetzt. Nehmen wir die populäre These von der «Auflösung des Territorialitätsprinzips»: Sie impliziert nicht weniger als die Möglichkeit von Ordnung ohne Ortsbezug und widerspricht damit Carl Schmitts These vom Recht als Einheit von Ordnung und Ortung (1950). Damit wird aber auch das traditionelle Staatskonzept grundsätzlich in Frage gestellt. Dementsprechend verwundert es nicht, dass der fast zehn Jahre alte Diskurs noch immer wenig praktische Wirkung gezeigt hat. Ähnliches gilt für die Forderung nach der «Auflösung des Zuständigkeitsprinzips»: Die in Österreich praktizierte Front-Office-Lösung für Bezirksämter, die einen Bezug staatlicher Dienstleistungen wie z.B. eine Passausstellung unabhängig von Zuständigkeiten ermöglicht, zeigt, dass Informatikparadigmen oft viel wirksamer sind als Organisationsdiskurse.“