Prozessplattform

Gespeichert von Schärli Thomas (schärli share) am Fr, 25/09/2015 - 22:50

Thomas Schärli, schärli share, eCH-Mitglied (November 2015) 

Think big – Start small

In persönlichen Gesprächen über die eCH-Prozessplattform begegnet mir des Öftern eine misstrauische Grundstimmung: Was ist der Nutzen eines solchen Angebots? Wen könnte das interessieren? Entweder sind die Darstellungen so banal, dass jede Behörde, die eine gleiche Leistung anbietet, dies im Handumdrehen auch selbst beisammen hat. Oder sie sind zu kontextsensitiv, so dass die Anpassung auf einen anderen organisatorischen Rahmen mit ebenso hohem Aufwand wie das unvoreingenommene Zeichnen eines eigenen Prozesses verbunden ist.

Ja, die Frage nach dem Nutzen. Was bringt das Zeichnen von Prozessen überhaupt, wenn die Realität im Alltag ganz anders aussieht? Oder wenn modellierte Prozesse einen dazu zwingen, Abläufe einzuhalten, obwohl deren Zweckmässigkeit im konkreten Einzelfall fragwürdig ist? Wird dann die Bürokratie nicht einmal mehr verstärkt? Wo wir bereits heute unter einer zu hohen Regelungsdichte leiden. Man sollte endlich einmal wieder dem gesunden Menschenverstand vertrauen.

Dann erinnere ich mich aber, Ähnliches auch schon in anderen Zusammenhängen gehört zu haben: Welche Chancen haben die Aktivitäten zur Bereitstellung eines Referenzdaten-Services? Oder zur Gestaltung eines uniformen ‚Front Office’? Auf beides hat niemand gewartet.

Ich könnte jetzt antworten, wie diese sehr verschiedenen Initiativen als Mosaiksteine zu einer neuen, zeitgemässen Form der öffentlichen Leistungserbringung zu verstehen sind. Stückwerk, das auf ein noch fernes Vollkommenes hinweist. Und würde riskieren, dass mich niemand versteht. In der postmodernen Ära wurde die Zeit der grossen Erzählungen für tot erklärt. Auch ‚Verwaltungsmodernisierung’ klingt vor diesem Hinter­grund verstaubt. Die hochfliegenden Ideen sind, wie Klaus Lenk in seinem Standpunkt schön schreibt, in den üblichen Routinen kleingearbeitet worden.

Kreativität und Innovation: Paul Klee - Blick aus Rot, 1937 (Copyright ZPK, Bern)

Innovation und Kreativität: Paul Klee - Blick aus Rot, 1937 (Copyright ZPK, Bern)

Vielleicht gibt es inzwischen niemanden mehr, die / der den zündenden Durchblick hat. Allenfalls spüren wir noch, wo ungefähr „es entlang gehen“ könnte. Wir fangen an einer Ecke an in der Hoffnung, das Mosaik schliesse sich irgendeinmal von selbst. Viel mehr als diese Hoffnung bleibt uns nicht.

Dies ist meine persönliche Meinung. Zum Glück gibt es auf der Prozessplattform die Rubriken ‚Standpunkte' und 'Diskussion''. Da darf man so etwas äussern.

Denn die Hoffnung stirbt zuletzt. Manch durchschlagender Erfolg in der inzwischen Realität gewordenen Informationsgesellschaft beruht auf einem zündenden Funken – einem Geschäftsmodell, das sich aus dem Rückblick als erfolgreich herausstellt. Zugegeben: Der Staat hat andere Ziele als Geld zu verdienen und Gewinn zu machen. Es geht um ein geordnetes Zusammenleben, um Sicherheit, um die Bewahrung von Wohl­stand, um eine florierende Wirtschaft, um die möglichst reibungslose Absorption von Flüchtlingsströmen, die im Idealfall lenkbar, aber nicht abweisbar sind. All dies setzt einen leistungsfähigen, transparenten Staat, der das Vertrauen seiner Angehörigen geniesst, voraus.

Die Prozessplattform liefert keine Antwort auf sämtliche der angesprochenen Postulate. Sie schafft immerhin einen Anfang mit Perspektiven. Das PPP-Geschäftsmodell eröffnet den Beteiligten – als Träger, Sponsoren, Redakteure und als Lieferanten oder Nutzniesser von Prozessdokumentationen – Chancen, sich in die organisatorische Gestaltung zeitgerechter öffentlicher Strukturen aktiv einzubringen.

Nutzen wir, was wir haben. Die ech-bpm-Prozessplattform verdient eine reelle Chance.