Digitale Verwaltung

Gespeichert von Dyer Matthias (Detecon (Schweiz) AG) am Di, 10/08/2021 - 08:52

Interföderale Wertschöpfung als DNA von «Swiss Smart Government»
Die digitale Verwaltung Schweiz braucht ein «smartes» Geschäftsmodell

 

(Ein Diskussionsbeitrag von Marc Schaffroth, Schweizerische Bundeskanzlei – Bereich Digitale Transformation und IKT-Steuerung*)

«Vom Kopf auf die Füsse stellen»

Um die Digitale Verwaltung Schweiz einen substantiellen Schritt voranzubringen, erscheint es mir erforderlich, die Debatte über die digitale Transformation gleichsam „vom Kopf auf die Füsse zu stellen“: Komplementär zur offiziell angekündigten Ausbalancierung von Zuständigkeiten, Einfluss und Ressourcen zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden auf der strategischen Steuerungsebene (vgl. Multi Stakeholder-«Plattform DVS») benötigt die Modernisierung des Verwaltungsgeschäfts ein ebenenübergreifendes, d.h. interföderales Geschäftsmodell an der Basis. Dieses soll es aufzeigen, wie «Service-, Prozess- und Organisationsinnovationen» (vgl. Anforderungen in der «E-Government-Strategie Schweiz») unter Wahrung von föderalen Strukturen und rechtsstaatlichen Rahmenbedingungen (z.B. Zuständigkeitsprinzip) im Schweizer Verwaltungsvollzug überhaupt möglich sind.

Der innovative Kern eines smarten digitalen Geschäftsmodells besteht m.E. in der kollaborativen Orchestrierung der schieren Vielzahl einzelner behördlicher Leistungssilos hin zu flexibel erweiterbaren «Bürgerservices». Auf der Grundlage modular gestaltbarer Leistungs- und Prozessnetzwerke lassen sich Kundenzentrierung und interföderale Kooperation im «Swiss Smart Government» nachhaltig miteinander verknüpfen - nach dem Motto «One Government User Experience - Whole of Government Approach» der Open Group.   

Smart gestalten: “One Government User Experience - Whole of Government Approach”

Das interföderale Geschäftsmodell liefert folgerichtig die Grundlage für die Entwicklung einer schweizweit nutzbaren «smarten» Geschäftsarchitektur. Diese bestimmt die relevanten Gestaltungsprinzipien (z.B. «gemeinsam entwickelt», «kollektiv vereinbart und gesteuert», «built-in control: verfahrens- und rechtskonform - nicht abstreitbar – nachvollziehbar», «modular erweiterbar» etc.) sowie die massgeblichen Architekturbausteine (z.B. Leistungs- und Prozessarchitekturen) der digitalen Verwaltung. Es lassen sich daraus zentrale Interoperabilitätserfordernisse für den kollaborativen Verwaltungsvollzug, d.h. für behördenübergreifende Geschäftsprozesse ableiten.

Ein architekturbezogener proof of concept des kooperativen Wertschöpfungsansatzes wäre sofort initialisierbar. Integrale Vorschläge zu einem interföderalen Geschäfts- und Steuerungsmodell liegen u.a. vom Standardisierungsverein eCH vor (www.ech.ch). So lassen sich zum Beispiel im Rahmen des E-Government Umsetzungszieles UZ 14: «E-Government Architektur Schweiz» anhand der Analyse diverser digitaler Behördenleistungen ( u.a. UZ1: easyGov, UZ2: eUmzug oder UZ06: Nutzerfreundlichkeit der elektronischen Behördenleistungen verbessern) wichtige Erkenntnisse für die weitere Konsolidierung des Geschäftsmodells für «Swiss Smart Government» und dessen breite Nutzung gewinnen.

Interföderale Wertschöpfungsnetzwerke als DNA von «Swiss Smart Government»

Föderale Strukturen sind nicht – wie vielfach kolportiert – ein Hindernis der Digitalen Verwaltung Schweiz. Vielmehr bilden kollaborative Wertschöpfungsnetzwerke die DNA von «Swiss Smart Government». Mit dieser Kernbotschaft, die an gemeinsame Werthaltungen, Identifikationen und Motivationslagen anknüpft, könnten Politik, Regierungsstellen und Verwaltungsmanagement – in ein «Strategisches Narrativ» verpackt – eine starke kollektive Handlungsgrundlage für die Digitale Transformation der Schweiz promoten. Der kollaborative Wertschöpfungsansatz rückt die gleichwertige Teilhabe und Mitgestaltung aller Akteure in einem bürgerzentriert gestalteten Verwaltungsvollzug, d.h. dort, wo «die Musik tatsächlich spielt», ins Zentrum. Zudem bestärkt er die Zusammenarbeit aller «Smart Government»-Stakeholder auf der übergreifenden strategischen Planungs- und Steuerungsebene.

«Swiss Smart Government» benötigt ein schweizweites strategisches Narrativ für die Promotion und ebenenübergreifende Umsetzung der Digitalen Transformation

Der Nachholbedarf in der Digitalisierung der hiesigen Verwaltung liesse sich somit gezielt aufholen und gleichzeitig auch die Stellung der Schweiz als innovativste und wettbewerbsfähigste Nation der Welt unterstreichen. Im Kontext der Tallinn Declaration (2017) könnte das interföderale Kollaborationsmodell sogar als blueprint und pragmatischer Ansatz für die länderübergreifende Bereitstellung von Bürgerservices lanciert werden (vgl. OECD-Declaration on Public Sector Innovation, 2019). 

Der konzeptionelle Gestaltungsansatz von «Swiss Smart Government» verknüpft die demokratischen Grundwerte und den Föderalismus unseres Landes erfolgversprechend mit den Anforderungen an die Verwaltungsmodernisierung. Zudem ist er ohne weiteres anschlussfähig mit der digitalen Wirtschaft und deren Geschäftsmodellen («Networked digital enterprises are loosely coupled, largely autonomus self-organizing networks of organizations that combines their output to provide jointly value, products or services” nach S. Solaimani, 2013). Tatsächlich lassen sich auf einer serviceorientierten Gestaltungsgrundlage einfach und gezielt Ökosysteme zwischen Verwaltung, Forschung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft etablieren.

Zwischenfazit: Die Digitale Verwaltung Schweiz wird dann «Fahrtwind aufnehmen» (vgl. Interview mit P. Giarritta D-DVS, in SRF «Echo der Zeit», vom 22.07.2021), wenn sie auf der Grundlage eines «smarten» interföderalen Geschäftsmodells entwickelt und verankert wird. Am Swiss Smart Government Day vom 21. September 2021 bietet sich die Gelegenheit zu einer vertieften inhaltlichen Standortbestimmung. 

  • Weiterführende Literatur zum Interföderalen Geschäftsmodell für "Swiss Smart Government": Vgl. diverse Beiträge von eCH, eCH-Kooperationsmodell (Artikel),

 (* Dieser Artikel gibt den persönlichen Standpunkt des Autors wieder)