Wissen

Gespeichert von Opitz Peter (ONM ) am Mo, 18/01/2016 - 11:35

Peter Opitz, Opitz New Media, eCH-Mitglied (Januar 2016) 

Über das Wissen und die Anwendung von eCH-BPM

Weil Wissen nicht länger hält als Fisch (Whitehead) und der Fortschritt vom Austausch des Wissens lebt (Einstein), muss es explizit gemacht, geteilt, gemehrt und angewendet werden. Warum das so ist und wie es funktionieren kann.

England ist die Wiege der Dampfmaschine und der Eisenbahn. Vor 200 Jahren tickten die Uhren überall im Land etwas anders. Wenn es in London 18.00 Uhr war, konnten die Uhren in Liverpool 18.20 Uhr anzeigen und  in Brighton 17.50 Uhr. Bis das Schienennetz ab 1830 massiv ausgebaut wurde und die Eisenbahn die grossen Städte miteinander verband, waren die regionalen Zeitunterschiede kein Problem. Wie aber sollte ein abgestimmter Fahrplan eingehalten werden, wenn die Uhren alle paar Kilometer anders laufen? 1884 wurde, übrigens mit einigem Widerstand, die Greenwich Mean Time (GMT) eingeführt, um einen Fahrplan zu realisieren, mit dem sich die ein- und abfahrenden Züge koordinieren liessen. (Seit 1972 gilt übrigens die Weltzeit UTC).  

Ähnlich, wenn auch in ganz anderen Dimensionen, verhält es sich mit E-Government. In einer vernetzten Welt, in der die Öffentliche Verwaltung auf allen föderalen Stufen untereinander und mit der Bevölkerung und den Unternehmen elektronische Informationen aufeinander abgestimmt jederzeit und überall austauschen, muss eine allgemeingültige Sprache her, die sowohl die Mitarbeitenden der Öffentlichen Verwaltung verstehen als auch die Maschinen.  Die Sprache, auf die man sich geeinigt hat,  heisst Business Process Model and Notation (BPMN).

Eine neue Sprache will erlernt und angewendet werden

Es liesse sich nun einwenden, dass schon in nächster Zukunft Maschinen in der Lage sind, Informationen vollautomatisch zu verarbeiten und deshalb die Aneignung von Prozesswissen gar nicht so wichtig sei. Stimmt aber nicht. Menschen steuern die Maschinen. Menschen gestalten ihre Beziehungen und Organisationen. Es ist eine menschengerechte Bedingung, dass Menschen das Sagen haben, was Maschinen tun sollen und nicht umgekehrt. Effizienz und Effektivität sind betriebswirtschaftliche Kriterien, über die jede Verwaltung und jede Organisation in Abhängigkeit ihres Auftrags und ihrer Besonderheiten eigenständig zu entscheiden hat.  Deshalb muss die Gestaltung von Prozessen zwingend in den Händen der Geschäftsverantwortlichen liegen.     

Auch wenn es vielleicht auf den ersten Blick nicht so aussieht; gutes Prozessmanagement ist nicht trivial. Weil Prozesse zu einer völlig neuen Qualität der Organisations-Gestaltung und Lenkung führen. Weil nicht mehr Hierarchien die Aktivitäten koordinieren, sondern Abläufe. Weil in Zeiten grosser Veränderungen der Öffentlichen Verwaltung bei tendenziell gleichbleibenden Ressourcen immer mehr Aufgaben übertragen werden. Weil tausende und abertausende von Prozessen regelmässig zu überprüfen, zu aktualisieren und zu optimieren sind.

Warum Wissen transportiert, geteilt, vermehrt und angewendet werden soll

Ich habe eine gute Kollegin, die - wie ich - in der Unternehmensberatung tätig ist. Als die ersten Wissensplattformen für Organisationsentwicklung öffneten, war sie ziemlich schockiert: Wie sollten Beraterinnen und Berater in Zukunft noch ihr Auskommen finden? Gleiches können mittlerweile auch Anwältinnen und Anwälte denken. Denn zu Rechtsthemen existieren eindrückliche Wissensplattformen. Und so können sich auch Prozessverantwortliche der Öffentlichen Verwaltung zu Recht fragen, warum sie ihre mühsam erarbeiteten Prozesse auf einer Plattform publizieren sollten?

Die Antwort ist einfach: Wir alle werden nicht ärmer, sondern reicher und besser, wenn Wissen zugänglich und geteilt wird. Indem Wissen explizit wird, verbreitet sich die allgemeine und die eigene Wissensbasis erheblich. Kein Rad muss mehr zweimal erfunden werden, Beraterinnen und Berater müssen weniger Überzeugungsarbeit über Sinn und Zweck leisten, Prozessverantwortliche zermartern sich nicht mehr über Grundlegendes. Anschauungsmaterial fördert Verständnis und Lernfähigkeit, Diskussionen vereinfachen die Zugänge, lösen Denkmuster auf und erhöhen die Fähigkeit, neue Wege zu gehen. Schneller lässt sich zu den zentralen Fragen vorstossen: Habe ich meine Prozesse folgerichtig dokumentiert? Wie gut sind unsere Prozesse? Wo haben wir Optimierungspotential? Wie können wir unsere Leistung kostengünstiger und besser erbringen? Wie fördern wir in unserer Organisation das Verständnis und Einverständnis, die Dinge anders anzugehen?

Mit der eCH-BPM Prozessplattform Wissen transportieren, teilen, vermehren, anwenden

Es gibt zwei Zitate die mir besonders gut gefallen. Das eine stammt vom Philosophen und Mathematiker Whitehead 1929 und lautet „Wissen hält nicht länger als Fisch“, das andere  von Albert Einstein 1930: „Der, der weiss, dass er nichts weiss, weiss immer noch mehr als der, der nicht weiss, dass er nichts weiss“.  Whiteheads Spruch bringt auf den Punkt, was heute noch viel mehr gilt als vor 85 Jahren: Der bedeutende Wandel, in dem wir stecken und noch deutlich an Fahrt gewinnt, erfordert zwingend die Verfügbarkeit von Wissen bei gleichzeitig ständig sinkender Halbwertzeit von Wissen. Wissen muss deshalb permanent gepflegt und erneuert werden. Damit Wissen gut genutzt werden kann, stellt Einstein die Demut des Einzelnen in den Mittelpunkt.  

Mehr denn je ist Wissen eine wirtschaftliche Ressource. Wissen berücksichtigt technische, organisatorische und menschliche/kulturelle Aspekte. E-Government verändert die Öffentliche Verwaltung und die Kundenbeziehungen. Wir brauchen neue Methoden und Instrumente im Umgang mit Wissen und Informationen.

Die eCH-Prozessplattform will dazu ihren Beitrag leisten. Damit sich Ihnen als Nutzerinnen und Nutzer das ganze Potential der Plattform eröffnet, ist Ihr Beitrag erforderlich. Indem Sie Ihre Prozesse zur Verfügung stellen, indem Sie Diskussionen anregen, Fragen stellen und sich mit anderen vernetzten, die ähnliche Themen bearbeiten wie Sie.  

Fünf-Punkte-Programm

Ich schlage Ihnen ein Fünf-Punkte-Programm vor, wie Sie die Prozessplattform effektiv nutzen können und damit direkt zu ihrer Wertsteigerung beitragen:  

  1. Es gibt keine dummen Fragen und keine schlechten Prozesse. Trauen Sie sich.
  2. Haben Sie keine Angst vor Kritik. Kritik ist gut. Konstruktive, also lösungsorientierte Kritik ist noch besser.
  3. Teilen Sie Ihre Prozesse, Fragen und Überlegungen mit.
  4. Behandeln Sie Ihre Gesprächspartner/in so, wie sie behandelt werden möchten.
  5. Nehmen Sie sich Zeit, damit Ihre Fragen, Antworten und Diskussionsbeiträge kurz, bündig, klar und angenehm wirken und profitieren Sie von einem lebendigen Austausch.