Kollaborative Governance-Strukturen und IKT-Steuerung in der Digitalen Transformation

Marc Schaffroth, Informatiksteuerungsorgan des Bundes (ISB) (April 2020)

"Kundenzentrierung" als ein massgebliches strategisches Ziel der "Digitalen Transformation" erfordert die Überwindung von Zuständigkeits-, Leistungs-, Prozess- und Infrastruktursilos (Informatiksilos) in der föderal aufgestellten Verwaltung der Schweiz.

Hierzu bedarf es übergreifender Governance-Strukturen auf der Grundlage der Zusammenarbeit der beteiligten Stakeholder in ihren jeweiligen Rollen (Verwaltungsstellen=Vollzugsebene; Departemente/GS=Policy Making, Ressourcen; IKT=Leistungserbringer u.a.). Eine politisch klug durchdachte, d.h. alle Stakeholder inkludierende kollaborative Governance stellt in Verbindung mit einer inhaltlichen, d.h. architekturbezogenen Steuerung eine echte Herausforderung dar, welche die Unternehmens- und Führungskultur der föderalen Verwaltung gleichermassen prägen wird. 

Kollaborative Governance-Strukturen und interföderale Business-Modelle der Digitalen Transformation stehen in enger wechselseitiger Beziehung. Gebetsmühlenartig wiederholte Postulate wie «once only» oder «durchgängige Prozesse» allein helfen nicht weiter. Denn diese sind weder ein Ersatz für ein vollwertiges interföderales Geschäftsmodell der Digitalen Verwaltung – noch vermögen sie aufzuzeigen, wie die Zusammenarbeit im Verwaltungsvollzug unter Wahrung der rechtsstaatlichen und föderalen Prinzipien möglich wäre. Der jüngste Vorschlag (vgl. «Schlussbericht EFD/KdK») mit der Variante einer verfassungsmässigen institutionellen Verankerung einer hochzentralistischen Steuerung der Digitalisierung der Verwaltung erinnert mich an Napoleons «Helvetische Republik». Denn hier wird zur Gänze das Innovationspotential einer interföderal verankerten kollaborativen Governance im Verwaltungsvollzug verkannt, wie es bereits im Vorzeigeprojekt «eUmzugCH» zum Greifen nahe scheint und damit ein valables Umsetzungsbeispiel abgeben könnte. Setzt doch auch das bundesrätliche «Zielbild der Digitalen Transformation» Serviceinnovation (Bereitstellung von Bürgerservices), Prozessinnovation, Organisations-/Management- sowie IKT-Innovation zuoberst auf die Prioritätenliste. 

Gemäss der Umfrage zur Aktualisierung der «Strategie Digitale Schweiz» wird im «Bereich der digitalen Verwaltung der rasche Aufbau von (inter-)föderalen Wertschöpfungsnetzwerken auf der Vollzugsebene gewünscht». Dazu liegt von eCH bereits ein entsprechendes Business- und Governance-Modell vor:

Eine schweizweit getragene Vision einschliesslich einem strategischen Narrativ, welches an den Grundwerten und Erfolgsfaktoren des politischen Systems der Schweiz anknüpft, könnte der Digitalen Transformation deutlichen Schub verleihen. Das eCH-Rahmenkonzept der "Vernetzten Verwaltung Schweiz" stimmt im Kern überein sowohl mit dem Open Group IndEA Framework, in welchem "collaborative design" und "built-in governace and control" im Vordergrund stehen als auch mit den privatwirtschaftlichen Digitalisierungsansätzen von Networked Enterprises: "We define a networked enterprise to be any coordinated undertaking that involves at least two autonomous parties that interact using information and communication technology (ICT). (...) A networked enterprise is a loosely coupled, self-organizing network of enterprises that combine their output to provide products and services offerings to the customer. Partners in the networked enterprise may operate cooperatively through agreements and contracts.” (S. Solaimani: The Alignment of Business Model & Business Operations within Networked-Enterprise Environments, 2013).     

Es folgen hier nun noch einige Überlegungen zur IKT-Steuerung:

...und auch diese geben meinen persönlichen fachlichen Standpunkt wieder.

Es ist ein Grundsatz jeder IKT-Strategie, dass die IKT vom Geschäft her zu steuern sei. Gemäss dem verbreiteten Architektur-Framework The Open Group Architecture Framework (TOGAF) erfolgt die Unternehmensentwicklung massgeblich auf der Grundlage einer systematischen Erhebung, Prüfung und ggf. Umsetzung von Geschäftsanforderungen u.a. in der IKT.

Geschäftsanforderungen fallen nicht einfach vom Himmel: In der Verwaltung und insbesondere im Verwaltungsvollzug resultieren Anforderungen aus Gesetzen (z.B. Datenschutzgesetz), aus Business-Strategien (z.B. E-Government-Strategie: «Kundenzentrierung", «once only»; Amtsstrategie etc.) oder aber einfach aus operativen Erfordernissen (z.B. rechtsverbindliche Kommunikation von Verwaltungsentscheiden). Anforderungen werden i.d.R. prozessbezogen identifiziert, erhoben und konsolidiert: Die architekturgestützte Konsolidierung beinhaltet zwingend ein business-to-business Alignment (d.h. die Überprüfung der Normen- und Strategiekonformität einer Anforderung). Um Siloeffekte zu vermeiden (z.B. Silo-Prozesse und Silo-Anwendungen), muss das Business-Aligment insbesondere auch "Planungsfeld übergreifend" funktionieren (zum Konzept der Planungsfelder vgl. die "IKT-Strategie des Bundes 2020-2023").

Erst im Nachgang zum "Planungsfeld übergreifenden" Business-to-Business Alignment durch die Geschäftsträger ist die Umsetzung einer Geschäftsanforderung anhand der Prinzipien und Kriterien der übergeordneten IKT-Strategie zu prüfen, zu beschliessen und ggf. umzusetzen (Prüfkriterien gemäss der IKT-Strategie sind: Interoperabilität, Sicherheit, Wirtschaftlichkeit, Machbarkeit, Nachhaltigkeit u.a.).